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Martina Bjanov - eine bulgarische Krankenschwester in Wien

| aktualisiert am 02.05.20 um 06:26

Martina Bjanov konnte sich zwar ihren Traum, Schauspielerin zu werden, nicht erfüllen, aber das Leben hat ihr eine weitaus größere Bühne beschert - mit echten Helden, deren Geschichten leider nicht immer ein Happy End haben.

Nachdem sie die Begegnung mit dem Coronavirus überwunden hat, steht sie wieder selbstaufopferungsvoll an vorderster Front. Martina arbeitet als Krankenschwester in Wien in einem der speziellen Pavillons vor jedem Krankenhaus, das die Patienten zuerst durchlaufen. Sie trägt bei der Arbeit Schutzkleidung - aber selbst das konnte sie nicht vor Covid-19 schützen.

Glücklicherweise hat sie die zweiwöchige Quarantäne ohne Symptome hinter sich gebracht. Und während sie zu Hause war, hat sie die Situation in unserem Land verfolgt.

„In Österreich sind die Ausrüstung und die Voraussetzungen viel besser“, sagt Martina. „Aber das medizinische Personal in Bulgarien ist definitiv patenter. Bulgaren sind an Stress und harte Arbeitsbedingungen gewöhnt - ich spreche von der Ausrüstung, den Soforthilfe-Instrumenten und sogar den Krankenwagen. Die Unterschiede sind enorm. Falls ich also einen Österreicher in einen bulgarischen Krankenwagen setze, bin ich mir nicht sicher, dass er seine Sache meistern wird. Während wir etwas kreativer sind.“

Martina sagt, dass in Österreich nur Menschen mit Covid-19-Symptomen getestet werden und bisher etwa 200.000 Tests durchgeführt wurden. Der Höhepunkt der Infektion ist bereits vorbei, daher wird die Regierung ab dem 1. Mai die Maßnahmen lockern - große Geschäfte, Schulen und Restaurants werden wieder geöffnet. Ihr zufolge befolgen die Menschen die auferlegten Einschränkungen, tragen Schutzmasken und freuen sich, dass sie ausgehen können. Und obwohl Oppositionsparteien den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz beschuldigt haben, absichtlich Angst vor dem Coronavirus geschürt zu haben, ist Martina fest davon überzeugt, dass die dortigen Behörden nie von einer bevorstehenden Hölle und Leichensäcken gesprochen haben, wie das in unserem Land der Fall war.

Als Studentin hat Martina die Theater-Experimentalschule „4xC“ unter der Leitung von Nikolaj Georgiew besucht und von der großen Bühne geträumt. Aber ein sommerlicher Deutsch-Sprachkurs in Österreich hat den Lauf ihres Lebens umgeschwenkt. An der Universität lernte sie ihren künftigen Ehemann, einen Paramediziner, kennen und schrieb sich später an der Krankenpflegeschule ein. Heute betreut sie Menschen mit schweren körperlichen und geistigen Behinderungen, arbeitet im Pavillon vor der Krankenanstalt Rudolfstiftung der Stadt Wien und ist mit dem Rettungswagen im Einsatz.

„Ich wollte früher nicht so einfach aufgeben und wollte mich hier sogar für eine Theaterakademie bewerben“, erinnert sich Martina Bjanov. „Aber von dem Moment an, als ich ins Krankenhaus kam und anfing, mich um die Patienten zu kümmern, habe ich aufgehört, der Schauspielerei nachzutrauen und möchte mich weiter in die neue Richtung entwickeln. Anscheinend war die Zeit vor Jahren für meinen ersten Traum gut und nun ist die Zeit für etwas anderes gekommen. Jetzt träume ich davon, der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ beizutreten. Ich warte nur, dass meine Tochter größer wird. Ich habe meine Bewerbung bereits eingereicht und warte auf eine Antwort, ob ich gebilligt wurde und eine Mission übernehmen kann.“

Und während sie wartet, dass die Zeit für ihren neuen Traum kommt, beobachtet sie, wie sich die Menschen zum Guten verändern und glaubt, dass wir aus dieser Prüfung einige Lektionen fürs Leben lernen werden.

„Es gibt völlig egoistische Leute, die sagen - ich bin gesund, ich habe genug zu essen, weiter interessiert mich nichts“, fährt Martina Bjanov fort. „Aber die meisten Leute versuchen, einem älteren Menschen zu helfen, indem sie für ihn einkaufen oder indem sie einen Krankenwagen rufen, wenn jemandem auf der Straße schlecht wird. Mir scheint, dass wir uns mehr umeinander kümmern, besonders die jungen Leute. Ich habe Praktikanten und sie fragen mich, ob sie sich etwas verspäten können, weil sie mit Freunden vereinbart haben, älteren Menschen in der Nachbarschaft Essen zu bringen. Natürlich dürfen sie etwas später zur Arbeit kommen, denn das ist weitaus wichtiger. Ich denke, dass sich die Dinge zum Besseren wenden und auch die Natur eine Verschnaufpause erhalten hat“, sagte Marina Bjanov abschließend.

Übersetzung: Rossiza Radulowa

Fotos: EPA, APA, Privatarchiv

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